Kapitel II

Es dauerte weitere zwei Sonnenläufe, bis Jafar in der Lage war, auf seiner Echse zu reiten und zwei weitere Nächte, um zurück zur Stadt seiner Väter zu gelangen. Ashkadar war um eine der größten Oasen im Großen Sand errichtet worden, in deren Umkreis es weit und breit keine anderen Wasserquellen gab. Das machte die Stadt, die eine der ältesten in der Wüste war, zu einem wichtigen Knotenpunkt für Handel und auch für Reisende.

Jafar und Rafo erblickten die hohen Außenmauern Ashkadars kurz vor Sonnenaufgang. Der Krieger zügelte sein Reittier, das ohnehin bloß langsam vor sich hin getrottet war, da Rafo ihnen zu Fuß folgte. Der Priester hatte darauf bestanden, zu laufen und hatte dies sogar barfuß getan, obwohl dies im Sand recht ungemütlich werden konnte und man vielerorts Acht geben musste, dass man nicht auf unter dem Sand verborgene, spitze Steine oder einen Skorpion trat.

Die Stadt ragte vor ihnen auf und nahm einen beträchtlichen Teil des Horizonts im Westen ein. Ihre Mauern waren zwischen sechzig und achtzig Fuß hoch, aus hellen, behauenen Steinen und dunkelbraunen Lehmziegeln errichtet und reichten um ganz Ashkadar herum. Es gab mehrere Stadttore, die von Torhäusern und Wachtürmen flankiert wurden. Im Inneren der Mauern lag ein Labyrinth aus etlichen kleinen Gassen und einigen breiteren Hauptstraßen, wie Jafar wusste. Dort drängten sich Gebäude in allen erdenklichen Größen aneinander. Viele waren mehrstöckig, aber keines erreichte auch nur annähernd die Höhe der Wehranlagen. Auf den flachen Dächern hatten ihre Bewohner Terrassen angelegt, die mithilfe von Sonnendächern bestehend aus Palmwedeln vor der Hitze geschützt waren. Im Zentrum der Stadt lag die große Oase, umgeben von Palmenhainen und Feldern, auf denen unterschiedliche Pflanzen angebaut wurden. Pferche für die Echsen und andere Nutztiere bildeten zusammen mit den Anbauflächen eine Art Schachbrett. Nördlich der Wasserfläche lag das politische Zentrum Ashkadars, der Palast der Mehden, den ehrwürdigen Führern des Volkes der Pher-Kadarn. Er war auf einem Felsen gänzlich aus weißen Steinen errichtet und verfügte als einziges Gebäude der Stadt über schräge Dächer. Der Komplex nahm eine große Fläche ein, da nicht nur der Hauptbau, sondern auch diverse Nebengebäude, Innenhöfe und mehrere Gärten dazu gehörten, umgeben von einer gekalkten, etwa drei Schritte hohen Mauer, die wie ein kleines Abbild der Stadtmauern wirkte.

Angrenzend an den Palast befand sich das Händlerviertel, das nicht nur die großen Markthallen beherbergte, in denen man alles kaufen konnte, was das Herz begehrte und unzählige Händler ihre Stände und Geschäfte hatten. Dort lag auch eine Reihe von Lagerhäusern mit Kuppeldächern, in deren kühlem, trockenen Innern die Vorräte der Stadt lagerten.

Von zahlreichen Feuerstätten stieg Rauch in den Morgenhimmel auf, der vom Wind verwirbelt und über die Dünen davon getragen wurde. Die Menschen in Ashkadar nutzten die schwarzen Steine als Brennmaterial, die man vor allem in den Minen der Berge weit im Norden, aber auch an einigen Plätzen im Großen Sand zu Tage förderte. Sie brannten deutlich länger als das wenige, verfügbare Holz und obendrein auch noch heißer. Das machte sie zu einem der Haupthandelsgüter, die in die Stadt gebracht wurden.

Als die Sonne hinter den Dünen im Osten aufging, begannen die Wälle Ashkadars zu glitzern. Unzählige Glassplitter, die in die Mauern eingelassen waren, reflektierten das Licht und sorgten für unzählige helle Flecken auf dem Sand ringsumher.

Jafar konnte nicht anders, als zu lächeln.

„Die funkelnden Städte.“, sagte er an Rafo gewandt, der das Schauspiel ebenfalls zu genießen schien.

„Ein Geschenk Esherens.“, merkte der Priester an.

Jafar hob missbilligend eine Braue. Priester. Immerzu mussten sie von ihren Göttern sprechen. Er wusste selbst nicht, wie er es in den letzten Tagen vermieden hatte, dass ihre Gespräche wieder auf dieses Thema kamen. Vielleicht, weil sie generell nicht allzu viel gesprochen hatten auf ihrem Weg. Er war dem Mann dankbar, der ihm das Leben gerettet hatte. Und die Bilder aus seinem Traum traten immer wieder vor sein inneres Auge. Das bedeutete aber nicht, dass er seine Götter einfach so aufgab, wie sie Rafos Worten nach angeblich sein Volk. Wenngleich er zugeben musste, dass in dem, was der ältere Mann sagte, eine gewisse Logik lag.

„Auf in die Stadt.“, sagte Jafar knapp und drückte seinem Reittier leicht die Fersen in die Flanken, worauf sich das Tier wieder in seinem gemächlichen Tempo in Bewegung setzte. Insgeheim wunderte er sich, dass sich sein Arm nach so kurzer Zeit schon wieder recht gut anfühlte und er seine gebrochenen Rippen kaum noch spürte. Der Priester musterte Jafar für einen kurzen Augenblick, dann folgte er der Echse und ihrem Reiter.

Hinter dem Stadttor blieb Rafo stehen und stützte sich auf seinen Stab.

„Hier trennen sich unsere Wege, Aleshgar.“, sagte er ernst. Jafar zügelte sein Reittier und sah zu ihm herab.

„Ich danke dir.“, sagte er dann. „Wenn du nicht gewesen wärst würden meine Knochen nun in der Sonne ausbleichen.“

Rafo lächelte.

„Das war nicht der Rede wert.“, sagte er. „Ich diene nur meinem Gott.“

Jafar schüttelte leicht den Kopf und lächelte seinerseits.

„Nun gut. Ich wünsche dir alles Gute. Vielleicht kann ich etwas für dich tun, sollten wir uns einmal wiedersehen. Bei meinem Volk begleicht man eine solche Schuld…“

Rafo nickte. „Die Zeit wird kommen.“, sagte er. Und es klang nicht, als würde er nicht genau das annehmen.

Sie trennten sich. Jafar lenkte sein Tier wieder auf die Straße, die vom Tor in einer meist geraden Linie zur Oase führte. Stoffbahnen, die man zwischen den Dächern der Häuser links und rechts gespannt hatte, spendeten Schatten. Den Straßenbelag bildeten große, flache Steine und fest gestampfter Lehm. Wie so oft wurde sie von vielen Menschen unterschiedlichen Alters bevölkert. Alte Männer und Frauen saßen vor ihren Hauseingängen und beobachteten die Passanten, Händler hatten ihre Stände an den Eingängen von Seitengassen aufgebaut und priesen ihre Waren an, zahlreiche Bewohner der Stadt waren unterwegs, um Besorgungen zu machen oder mit Wasserkrügen beladen auf dem Rückweg von der Oase. Und zwischen ihnen allen spielten hier und dort Kinder mit Glasmurmeln oder Verstecken zwischen den Kisten und Krügen der Händler.

Einige der Männer und Frauen gaben erstaunte Laute von sich und zeigten auf die inzwischen getrocknete, von Jafars Sattel herab hängende Haut des Echsenbullen, als der Krieger sie passierte. Eine kleine Schar Kinder heftete sich an die Fersen seines Reittiers und überschüttete ihn mit Fragen.

„Hast du die Echse ganz allein getötet?“, wollte ein kleiner Junge wissen, der im Laufen mit seinem Turbanwickel kämpfte, den ihm ein anderes Kind im Vorbeigehen halb vom Kopf geschoben hatte.

„Bist du ein großer Krieger?“, fragte ein kleines Mädchen, das im nächsten Moment rasch von seiner Mutter auf den Arm genommen wurde, bevor es unter die Füße der Echse geraten konnte. Jafar schmunzelte und lächelte die Frau an, die ihm freundlich zunickte, während sie ihre Tochter ermahnte, nicht immer mitten auf der Straße stehen zu bleiben.

Die übrigen Kinder ließen nicht locker und hielten in dem dichter werdenden Gedränge der Straße mühelos Schritt.

Jafar musste sich darauf konzentrieren, niemanden um zu reiten, obwohl die Menschen hier eigentlich daran gewöhnt waren, Berittenen aus dem Wege zu gehen. Die Straßen schienen viel voller zu sein als sonst am frühen Morgen.

Da fiel es Jafar wieder ein: Sein Vater hatte davon gesprochen, dass es bald eine Zusammenkunft der Mehden einiger benachbarter Städte geben würde. „Benachbart“ meinte in diesem Fall, dass man dorthin nicht mehrere Wochen, sondern nur Tage unterwegs war. Die Städte Mureshadar, Nikafsadar und Kaddima, gegen die Ashkadar schon lange Krieg geführt hatte, hatten sich dazu bereit erklärt, Abgesandte zu schicken um über einen dauerhaften Waffenstillstand zu verhandeln.

Ein solches Ereignis zog nicht nur mehr Händler in die Stadt, sondern beschäftigte auch die Herbergen, die Bediensteten im Palast und auch die Krieger, von denen man nun deutlich mehr auf den Straßen sah. Ganz gleich wie lange man gegeneinander Krieg führte, das Gastrecht war den Pher-Kadarn heilig und den jetzigen Gästen bereits zugesprochen worden, als sie noch in ihren Städten weilten. Daher waren sie ohne Bedenken um ihre eigene Sicherheit nach Ashkadar gekommen und hatten sicherlich Gefolge mitgebracht. Das hieß aber natürlich nicht, dass sie keine Bedenken hatten, was die Verhandlungen betraf. Aber immerhin waren sie hier, zum ersten Mal seit einer Generation.

Dieser Erfolg, wie es manche nannten, ging auf die kluge Diplomatie einiger Mehden unter der Führung seines Vaters zurück, der sich seit Jahren darum bemühte, die Kämpfe mit den anderen Städten zu beenden. Letzten Endes würde ohnehin keine von ihnen aus eigener Kraft die Vorherrschaft gewinnen können und es würde nur weiter Kämpfe im großen Sand geben. Die Männer würden Blut vergießen und die Frauen zu Hause sitzen und um ihr Leben fürchten. So, wie es gewesen war, seit Jafar denken konnte. Aber vielleicht bald nicht mehr.

Jafar lenkte sein Tier von der breiten Straße weg und in eine der Gassen, an deren anderem Ende sein Elternhaus lag. Es war kein allzu großes Haus und hatte nur einen ersten Stock, aber es verfügte über genug Platz für seine Familie, die nach dem Tod seiner Mutter nur noch aus ihm und seinem Vater bestand und es verfügte über einen Innenhof und zwei kleinere Nebengebäude, sowie einen Pferch für ihre Sandechsen.

Wie aus dem Nichts flog eine überreife Nawu-Frucht von einem der Dächer herab und klatschte Jafar mitten ins Gesicht. Während er sich leise fluchend die von säuerlichem Saft klebrigen Stücke aus dem Gesicht wischte, erklang das helle Lachen einer Frau links über ihm. Er blickte nach oben und erhaschte einen Blick auf einen Schopf dunklen Haares, bevor dieser wieder aus seinem Sichtfeld verschwand. Der Zorn, der eben noch in ihm aufgestiegen war, verrauchte.

„Du wurdest nicht getötet.“, erklang eine Stimme von oben.

Jafar zuckte die Schultern.

„Offenbar nicht.“

Auf dem Lehmdach rechts von ihm erklangen Schritte.

„Ist das stinkende Ding an deinem Sattel die Echsenhaut?“

„Ja.“

„Wieso trägst du einen Arm in der Schlinge? Hat die böse Echse dich gebissen?“, erklang es, nun wieder von links.

Jafar hielt sein Tier an und seufzte. Verdammt, diese Frau war so flink. Er sah nach oben.

„Yasmina, du weißt, dass ich das tun musste. Wenn ich in die Fußstapfen meines Vaters treten will, muss ich…“

„… dich im großen Sand umbringen lassen, wie so viele deiner Vorfahren, ich weiß.“

Jafar blinzelte in die Sonne, als sich die schlanke Silhouette der jungen Frau auf dem Dach über ihm abzeichnete. Ihre grünen Augen funkelten aus ihrem ebenmäßigen Gesicht hervor, während der Wind mit ihrem langen, schwarzen Haar spielte, das ihr über die Schultern und auf den Rücken fiel. Sie trug schlichte, aber dennoch schöne Kleidung, ein rotes, mit goldenem Garn besticktes Oberteil aus dünnem, weichen Stoff und einen grünen Rock, an dessen unterem Saum kleine Münzen aufgenäht waren. Um die Stirn lag ein Lederband, das einen grünen Schleier hielt. Yasmina hatte die Hände in die Hüften gestemmt und erwiderte seinen Blick einen Moment lang schweigend. Jafar stellte wieder einmal fest, dass sie wunderschön war.

„Ich bin froh, dass dir nichts geschehen ist.“, sagte sie schließlich knapp und verschwand außer Sicht. Die Schritte ihrer weichen Sandalen auf dem warmen Lehmdach entfernten sich rasch.

Jafar seufzte erneut. Eigentlich hatte er gehofft, dass das erste Gespräch mit Yasmina nach seiner Rückkehr anders verlaufen würde. Ihr letztes war mehr ein großer Streit gewesen als etwas Anderes.

Yasmina und er kannten sich, seit sie krabbeln konnten. Sie war nur ein Jahr jünger als er. Als Kinder waren sie Freunde gewesen. Als Jugendliche hatten ihr Vater und der seine vereinbart, dass die beiden eines Tages heiraten würden. Und weder Yasmina noch er hatten daran etwas auszusetzen gehabt, denn aus einer freundschaftlichen Zuneigung war schon damals längst mehr geworden. Doch dann hatte Jafar den Pfad eines Kriegers eingeschlagen, ganz den Traditionen der Ashkadarn entsprechend, wie auch denen seiner Familie. Yasmina hatte erklärt, dass sie keinen Krieger heiraten würde, da sie nicht zu den Frauen gehören wollte, die tagein, tagaus nach getanem Tagwerk vor ihren Häusern saßen, ihren Kindern beim Spielen zusahen und dafür beteten, dass ihre Männer heil aus der Schlacht heim kehrten. Was sie oft genug nicht taten.

Über zehn Jahre waren seit dem Eheversprechen gegangen. Und weder Yasmina noch Jafar hatten in dieser Zeit jemand andren geheiratet. Die Sache war also eigentlich klar, im Grunde wartete Yasmina also doch auf ihn, nur eben auf eine andere Weise. Was ihr Vater dazu sagte war ihr gleich, er hatte die Versuche, sie anderweitig zu vermählen, längst aufgegeben. Auch Jafars Vater, der über die Situation ebenso betrübt war, sprach das Thema schon seit Längerem nicht mehr an. Die Väter überließen es ihren längst erwachsenen Kindern, über ihr Schicksal zu entscheiden.

Jafar lenkte seine Echse in den kleinen Innenhof seines Elternhauses. Aus dem Eingang des Haupthauses eilte ihm der alte Karim entgegen, der schon für seinen Vater arbeitete, seit Jafar denken konnte. Er war für alle möglichen Arbeiten zuständig, sogar für das Essen und hielt alles am Laufen, wenn sein Vater den ganzen Tag im Palast der Mehden weilte.

Karim verneigte sich leicht vor Jafar, der sich vorsichtig aus dem Sattel gleiten ließ und die Geste erwiderte.

„Schön, dich wiederzusehen!“, rief Karim freudig aus und zeigte ein zahnlückiges Lächeln. „Dein Vater wird erfreut sein, dass deine Mission erfolgreich war.“, fügte der alte Mann und deutete mit einer seiner fleckigen Hände auf die Echsenhaut an Jafars Sattel.

„Es ist gut, wieder zu Hause zu sein.“, stellte Jafar fest. „Es scheint dir gut zu gehen, Karim.“

Der alte Mann nickte.

„In meinem Alter ist man froh, wenn ein Tag vergeht, ohne dass ein weiteres Wehwehchen dazu kommt. Aber du hast Recht, es geht mir gut. Jetzt umso mehr. Ich hatte mir Sorgen gemacht, da du so lange fort warst.“

Jafar nickte und hob den geschienten Arm.

„Nicht ganz umsonst, wie du siehst. Aber ich hatte Hilfe… nach dem Kampf.“

Karim blickte ihn fragend an und blinzelte, weil Jafar mit dem Rücken zur Sonne stand.

Der Krieger legte ihm eine Hand auf die Schulter und lächelte.

„Ich erzähle es dir gern im Haus, bei einem Krug Wein.“, sagte er. „Wo ist mein Vater?“

Karim, der bei seinen Worten zustimmend genickt hatte, machte Anstalten, die Echse in Richtung des Gatters zu wenden, in dem noch zwei andere standen. Die beiden Tiere blickten ihrer Artgenossin neugierig entgegen.

„Er ist im Palast, wie meistens in den vergangenen Tagen. Die Verhandlungen…“, sagte Karim.

Jafar nickte verstehend.

„Dann werde ich ihn aufsuchen, sobald ich die Kleidung gewechselt, ein Bad genommen und etwas zu mir genommen habe.“

Er blickte Karim kurz nach, der sein Reittier davon führte, warf dann einen wehmütigen Blick zu den Dächern der Straße, durch die er gekommen war und verzog das Gesicht, als ein dumpfer, pochender Schmerz in seinem Arm aufflammte.

 

„Dieser Vorschlag ist nicht akzeptabel, ehrenwerter Alandwar.“, sagte Mohal Al’Kerema, der Gesandte der Stadt Mureshadar und rollte das Pergament wieder zusammen, das er bis eben studiert hatte. Seine dicken, mit übergroßen Ringen bestückten Finger sorgten dafür, dass das Pergament einige neue Falten erhielt. Der kräftige Mann saß im Schneidersitz auf einem Kissen in erhöhter Position am Rande des kreisrunden Ratssaales des Mehdenpalastes. In seiner dunklen, reich mit Stickereien verzierten Kleidung wirkte er noch massiger. Der große Turban, den er trug, tat sein Übriges. Mohal wirkte nicht wie ein Mann, der selbst in die Schlacht zog, sprach aber bereits den halben Vormittag immer wieder davon, wie viele Kämpfe er und seine Leute bestritten hatten und wie viele Leben dabei verloren wurden. Dabei nippte er ständig aufs Neue am von Dienern dargebotenen Wein. Kleine Tröpfchen davon bildeten rote Punkte in seinem ergrauten Vollbart, so als hätte er Rubine hinein gewoben.

„Dieser Krieg hat viel Schaden verursacht, aber auf allen Seiten.“, erwiderte Alandwar Al’Halil, der schon eine Weile dem Drang widerstand, auf der Armlehne seines Holzsessels herum zu trommeln. Die Gespräche zogen sich wie erwartet hin und die anderen Städten hatten, das fand zumindest Jafars Vater, kein allzu glückliches Händchen dabei gehabt, die geeigneten Unterhändler auszuwählen.

„Wenn du nun alle Schäden, die der Krieg verursacht hat, niederschreiben und gegeneinander aufwiegen lassen willst, können wir dies hier umgehend vertagen.“, fuhr Alandwar fort.

Sein langer, weißer Bart wallte beim Sprechen über seine Brust.

„Vielleicht auf einen Zeitpunkt in zwei oder drei Jahren, bis wir alle damit fertig sind, jeden einzelnen Menschen in den Städten zu fragen, was ihn der Krieg gekostet hat.“

Der Ton des Mehden blieb die ganze Zeit höflich und ließ weder Sarkasmus noch Spott erkennen. Alandwar wusste, dass er Recht hatte. Und er wusste, dass es auch alle anderen Anwesenden wussten. Auch Mohal, der mit den Schultern zuckte und nicht zum ersten Mal an diesem Tag einen Diener herbei winkte, der ein Tablett mit süßem Gebäck bereithielt. Er bedeutete dem Mann, es vor ihm abzustellen und begann, was darauf lag in seinen Mund zu stopfen. Zu dem Wein in seinem Bart gesellten sich rasch etliche Brösel und Zuckerkörner.

Alandwar wandte resignierend den Blick ab, nahm einen Schluck Wein aus seinem eigenen Becher und blickte sich nach den übrigen Gästen um. Neben ihm und vier weiteren Mehden Ashkadars, Mohal Al’Kerema und einigen Dienern saßen noch drei weitere Männer an der mit verspielten Mosaiken verzierten Wänden des Raumes verteilt.

Aus Nikafsadar waren, wie erwartet, die Brüder Mussaf und Nessaf Al’Saffok gekommen, mit denen Alandwar zuvor einen Briefaustausch gehabt hatte. Die beiden waren altgediente Krieger ihrer Stadt und trugen schlichte, zweckmäßige und relativ schmucklose Kleidung, wie man es von Männern mittleren Alters erwarten konnte, die ihr Leben lang den Großen Sand durchstreift und nichts Anderes gekannt hatten.

Aus Kaddima, der größten und mächtigsten Stadt in dieser Region des Großen Sandes, hatte man einen Mann namens Azim Abdel Maggoud geschickt. Er war jünger als die anderen Gesandten, hoch gewachsen und trug feine Gewänder. Alandwar Al’Halil mochte ihn nicht. Da war etwas an seiner Haltung und der Art wie er sprach, was verhinderte, dass er ihn als vertrauenswürdig empfand. Auch wenn es für die Leute aus Kaddima typisch war, stolz und überheblich aufzutreten. Alandwar hatte das Gefühl, dass dieser Mann gefährlich war. Und er hörte sich selbst gern reden.

Azim erhob sich, strich seine Kleider glatt, verschränkte die Arme hinter dem Rücken und schlenderte durch den Raum, während er sprach.

„Ich denke, die Verluste werden in jeder unserer Städte groß gewesen sein.“, begann er.  „Und was würde wohl eine Ehefrau sagen, deren Mann im Kampf getötet wurde?“

Er machte eine kurze Pause und blickte die anderen Männer einen nach dem Anderen an.

„Doch wohl…“, fuhr er schließlich fort, während er seinen Weg fortsetzte, „…dass der Verlust unbeschreiblich groß sei und kaum zu ersetzen.“

Er wandte sich Mohal zu.

„Wieviel sind einhundert solcher Verluste, die kaum zu ersetzen sind, wert? Und selbst wenn man es könnte, wodurch sollte man sie ersetzen? Wonach steht dir der Sinn, ehrenwerter Mohal? Nach Geld? Nach Gütern? Am Ende vielleicht nach Wasser?“

Mohal antwortete nicht, sondern kaute stumm weiter, während er Azims Blick erwiderte.

„All diese Erwägungen führen nirgendwo hin.“, schloss Azim schließlich. „Wir sollten die Vergangenheit begraben, so wie der Wind die Körper der im Kampf Gefallenen und uns der Zukunft zuwenden. Denn sie zu gestalten, sind wir hier doch schließlich zusammen gekommen, nicht wahr?“

Sein wölfisches Grinsen blieb Alandwar nicht verborgen, jedoch offenbar Mussaf und Nessaf, die verhalten applaudierten. Mohal grunzte etwas Zustimmendes zwischen zwei Bissen hervor und zuckte mit den Schultern.

Azim setzte sich wieder auf sein Kissen, hinter dem zwei Bewaffnete Platz genommen hatten, deren Gesichter hinter schwarzem Tuch ihrer Turbane verborgen waren. Alle Krieger Kaddimas trugen diese Kleidung, mit Ausnahme eines Mannes. Sein Mundschenk und Leibdiener, der nicht nur die exakt gleiche Kleidung wie Azim trug, sondern auch seinen Haarschnitt und Bart. Eine Tatsache, über die sich Alandwar zwar wunderte, die er aber nicht ansprach. Es gab Wichtigeres zu besprechen.

„Nun, ehrenwerter Azim.“, sagte Alandwar. „Was schwebt deinem Herrn denn für eine Zukunft vor?“

Diesmal schaffte er es nicht ganz, neutral zu klingen.

Azim hielt seinem Blick stand und entblößte beim Lächeln tadellos weiße Zähne. Er ließ sich eine Schriftrolle reichen, die er rasch entrollte.

„Meinem ehrenwerten Herrn, Hamar Al’Massut von Kaddima, schwebt zur Festigung des Friedens zwischen unseren Städten eine enge Zusammenarbeit vor. Er will den Handel zwischen unseren Städten wieder aufnehmen. Handel mit Salz aus Nikafsadar, Stoffen aus Ashkadar, Leder aus Mureshadar und Metall aus Kaddima.“

Mohal Al’Kerema, der sich gerade das letzte Backwerk von dem Tablett vor ihm in den Mund stecken wollte, hielt mitten in der Bewegung inne.

„Wartet, ehrenwerter Azim. Seit wann verfügt Kaddima über eigene Erzminen?“, fragte er.

Der Gefragte lächelte milde. „Seit wir vor einigen Monden eure Krieger in die Flucht geschlagen und diese Minen besetzt haben, ehrenwerter Mohal.“, entgegnete er ruhig.

Mohal hob zu einem Protest an, aber Alandwar ging dazwischen.

„Halt, wartet.“, sagte er. „Es gehörte zu den Bedingungen, die ich im Vorfeld dieser Verhandlungen unterbreitet hatte, dass mögliche Gebietsgewinne der vergangenen Monde revidiert werden. Dass du hier bist, ehrenwerter Azim, bedeutet, dass dein Herr diesen Bedingungen zustimmt.“

Von den übrigen Männern kam zustimmendes Gemurmel, während sich Azim nun Alandwar zuwandte.

„Mein Herr hat zu nichts seine Zustimmung gegeben, außer zu meiner Anwesenheit bei diesen Verhandlungen.“, stellte er richtig. „Deine Bedingungen waren Vorschläge, die meinem Herrn aber nichts bringen, genauso wenig wie Kaddima. Ashkadar will Nikafsadar einige Gebiete im Großen Sand zurückgeben, aber dort gibt es nichts von Wert. Kaddima soll Mureshadar die Erzminen zurückgeben, ohne dafür eine Gegenleistung zu erhalten…“

„Einen Moment, ehrenwerter Azim.“, schaltete sich Mussaf Al’Kerema nun ein. „Hast du nicht gerade darüber referiert, dass es keinen Sinn macht, über eine Entschädigung für unsere Verluste zu diskutieren?“

Azim verzog den Mund und blickte kurz zu Boden, bevor er den Abgesandten mit seinem Blick fixierte.

„Was bedeutet ein Tod? Nichts. Alles. Je nachdem, wer stirbt. Aber ein Ballen Stoff oder Leder, ein Sack Salz oder ein Pfund Erz, das ist immer und für jeden Menschen etwas wert. Darüber lässt sich also durchaus diskutieren. Und der Handel zwischen unseren Städten wird den Frieden stärken, den wir uns wünschen. Um seine guten Absichten zu unterstreichen bietet mein Herr euch an, den Markt in Kaddima sofort für alle eure Händler zu öffnen.“

Alandwar hätte geschmunzelt, wäre die Angelegenheit nicht so ärgerlich gewesen. Azim versuchte ganz unverhohlen, seine Heimatstadt zum einzigen wirtschaftlichen Profiteur der Friedensverhandlungen zu machen.

„Ehrenwerter Azim, lass mich dich darauf hinweisen, dass ich diese Friedensverhandlungen nicht einberufen habe, um Kaddima zur reichsten Handelsstadt im Großen Sand zu machen. Ich muss dich fragen, ob dich dein Herr mit ernsthaften Absichten hierher entsandt hat, Frieden zu schließen.“

Azim nahm einen großen Schluck vom Wein in seinem Becher, bevor er antwortete.

„Mein Herr hat mich mit einem Angebot hierher entsandt, das ich unterbreiten sollte. Es entspricht seiner Vorstellung vom Frieden. Niemand muss es annehmen.“

Alandwar spürte, wie es hinter seinen Schläfen zu pochen begann. Er kämpfte gegen die Kopfschmerzen an, die gerade aufflammten. Alles, worauf er die letzten Monde hin gearbeitet hatte, war im Begriff, zu zerbrechen. Sie saßen nun schon seit dem Mittag hier, draußen ging bereits die Sonne unter und sie waren von einem erfolgreichen Abschluss der Verhandlungen weiter entfernt als zu Beginn.

Mohal Al’Kerema wischte sich mit einem Tuch den Schweiß von der Stirn und hustete leise.

„Was, wenn die anderen Städte diesen Frieden ohne Kaddima schließen?“, fragte er.

Azim zog die Beine wieder richtig unter sich und nippte noch einmal an seinem Wein.

„Das glaube ich nicht, ehrenwerter Mohal.“, sagte er dann.

„Was macht dich da so sicher?“, wollte Mussaf Al’Saffok wissen, dessen Bruder rot angelaufen war.

Als Azim nicht antwortete, beugte sich Alandwar in seinem Sessel vor, um die Frage zu wiederholen. Da spürte er den Schmerz in seiner Brust. Alles schien sich zu verkrampfen.

„Verdammt.“, dachte er.

Auch die übrigen Männer im Saal schienen es zu spüren. Manche husteten, andere fassten sich an die Brust, wieder andere keuchten oder stöhnten. Allesamt, auch Azims Begleiter, schienen dieselben Symptome zu entwickeln wie Alandwar.

„Was… hat das… zu bedeuten?!“, fragte Alandwar keuchend und versuchte, sich zu erheben, doch es gelang ihm nicht. Sein Körper gehorchte ihm nicht mehr. Im ganzen Saal schien es den Anwesenden ähnlich zu gehen. Sie fielen zu Boden oder wälzten sich umher, machten zuckende Bewegungen oder wirkten, als habe man ihnen auf den Kopf geschlagen. Es war ein schauriger Anblick und alles geschah ohne viel Lärm, als

Azim erhob sich, bevor er seinen Becher leerte und dann achtlos zur Seite warf.

„In den Bergen südlich von Kaddima gibt es Skorpione, so weiß wie die Milchzähne eines Kindes.“, sagte er. „Ich glaube, sie leben an keinem anderen Ort im Großen Sand. Ihr Gift hat ganz besondere Eigenschaften, die ich in den vergangenen Jahren oft an Gefangenen getestet habe…“

Alandwar sackte auf seinem Sessel zusammen. Seine Sicht wurde neblig, sein Mund war mit einem Mal staubtrocken. Wie von fern hörte er Azims Stimme, als der Mann fortfuhr.

„Es ist das einzige Gift, das ich kenne, das schon beim Kontakt mit der Haut wirkt. Allerdings nicht sofort, sondern erst Stunden später. Das macht es zu einer besonders heimtückischen Waffe…“

Er hielt inne, als Alandwars Kopf auf seine Brust sackte. Kaum jemand im Raum regte sich noch. Tote Augen starrten Azim aus vor Entsetzen verzerrten Gesichtern an, als er lautlos zu einem der wenigen Fenster des Raumes ging und hinaus in die Abenddämmerung schlüpfte.

Kapitel I

I

 

Jafar Al’Halil saß auf dem Rücken seiner Sandechse, den zwei Schritte langen Kampfspeer vor sich locker über den ledernen Sattel gelegt und spähte in die Ferne nahe der Linie, an der der Sand den Himmel zu berühren schien. Er schloss die Augen und sog die noch kühle Luft der weichenden Nacht in sich auf. Sie hatte keinen bestimmten Geruch und dennoch schien sie besser zu schmecken als die staubige Luft, die man tagsüber atmen musste. Er streifte den Mantel aus dunklem, mit Stickereien verziertem Stoff ab, der ihn vor der Kälte der Nacht geschützt hatte und verstaute ihn in einer der Satteltaschen. Dann überprüfte er nachdenklich seine beiden Säbel. Die leicht geschwungenen Klingen ließen sich recht leicht ziehen. Zufrieden rückte Jafar seinen Turban zurecht, legte die Hände ruhig auf den Sattelknauf und spähte wieder zum Horizont.

Mit dem Tag zog auch die Stunde seiner Prüfung herauf, die schwerer sein würde als alle anderen zuvor. Sein Vater hatte ihm einmal gesagt, dass das Leben ein schmaler Pfad zwischen vielen verschiedenen Toden sei. Ein Pfad, auf dem hin und wieder Hindernisse warteten, die es zu überwinden galt. Heute würde er auf ein ganz besonderes Hindernis treffen, an dem schon viele Krieger seines Volkes gescheitert waren, der Kampf gegen eine der großen Sandechsen Pherkads. Nicht eines der zahmen Weibchen, auf denen Jafar schon geritten war, seit er dem Säuglingsalter entwachsen war, sondern eines der voll ausgewachsenen wilden Männchen, die den großen Sand durchstreiften und die man unmöglich zähmen konnte. Es war keine Prüfung, die ein Krieger der Pher-Kadarn leichtfertig auf sich nahm, denn sie galt als ultimativer Test seiner Fähigkeiten im Kampf. Wer sie bestand genoss fortan großen Respekt und erwarb Ruhm und Ansehen bei seinem Volk.
In einer Zeit, in der jeder, der lange genug lebte, den einen oder anderen Sieg in der Schlacht vorzuweisen hatte, bedeutete dies Vielen eine Menge.

Jeder, der in der Hierarchie seines Stammes aufsteigen wollte, musste sich früher oder später einer Sandechse stellen. Jafars Vater hatte es im Jahr seines sechsundzwanzigsten Großsturm getan, jünger als Jafar jetzt. Er zählte bereits über dreißig Großstürme, wie man die jedes Jahr wiederkehrenden Wetterphänomene nannte, die die Wüste und ihre Bewohner tagelang aufwirbelten bis der Sand auch noch in die letzte Ecke ihrer Behausungen gedrungen war. Jafar fühlte sich mehr als bereit, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Dass er dies als Krieger seines Volkes konnte hatte er schon bei diversen Gelegenheiten bewiesen. Dass er einer ihrer besten war würde er nun beweisen müssen. Und eines Tages, so hoffte er, würde er auch die Nachfolge als einer seiner Führer antreten, eines Mehden der Ashkadarn. Der brüchige Waffenstillstand mit zwei benachbarten Städten im großen Sand wurde von seinen Leuten als ein gutes Zeichen angesehen und gab ihm die Zeit, die er für seine Prüfung benötigte. Und nun war er hier, in der schier endlosen Weite des großen Sandes, nicht weit von den gläsernen Dünen.

Jafar ließ die Zügel seines Tieres lose baumeln, schon seit der Mitte der Nacht. Es war die Zeit des Sommers, in der sich die Tiere normalerweise paarten und der Instinkt, ein geeignetes Männchen zu finden, war bei den Echsenweibchen in diesen Tagen stärker denn je. Und so würde sein Reittier, wenn er lange genug nicht einschritt, danach streben, das zu tun, wozu die Natur es rief. Man sagte, dass es so wesentlich einfacher war, ein ausgewachsenes Männchen zu finden. Und es schien zu stimmen, denn es dauerte nicht allzu lange, bis seine Echse auffallend oft stehen blieb und ihre Nüstern schnaufend in den Wüstensand drückte.

Ihr Reiter ließ sie gewähren. Das etwa sechs Schritte lange und mehr als mannshohe Tier wiegte sich unruhig hin und her und kratzte dabei mit den fingerlangen Krallen, die am Ende ihrer Zehen saßen, im Sand.

Der suchende Blick des Kriegers fand keinerlei Fußspuren, doch das musste nichts bedeuten, denn der Wind hatte die ganze Nacht geweht und sicherlich jede Spur im Sand beseitigt. Die Echse trottete weiter, auf ein für ihren Reiter nicht wahrnehmbares Ziel zu. Jafar ließ sie ihren eigenen Weg suchen, doch suchte sein Blick ständig die Umgebung ab, denn er wollte kein Risiko eingehen, von einem ausgewachsenen Echsenmännchen überrascht zu werden. Wenn er Glück hatte, näherten sie sich gegen den Wind, sodass das mächtige Tier keine Witterung aufnehmen konnte und nicht gewarnt war. Doch das war nicht sicher, denn die Winde drehten in dieser Gegend mehrmals am Tag.

 

Die Sonne stand bereits recht hoch am Himmel, als das Tier noch einmal unruhiger wurde. Vor ihnen lag ein Teil der Wüste, der mit bizarren Felsformationen durchzogen war, die nur etwa zwei bis drei Schritt aus dem Sand heraus ragten. Jafar übernahm wieder die Kontrolle über sein Reittier und lenkte es einen Dünenkamm entlang, vorbei an mehreren Felsen, die Sand und Wind bereits zum größten Teil zerrieben hatten. Nur noch etwa oberschenkeldicke Säulen ragten in den wolkenlosen Himmel, von dem die Sonne mittlerweile heiß herab brannte. In der trockenen Luft waren die drei Monde Pherkads deutlich am Himmel zu erkennen. Inash, genannt der weiße, Halish, den man aufgrund seines Glanzes den Goldenen nannte und Wenash, aufgrund seiner geringen Größe auch genannt der Ferne.

Die Hitze flimmerte über dem Sand. Da trug der Wind vertraute Geräusche an seine Ohren. Ein Schnauben und Stampfen, deutlich zu unterscheiden von allen anderen Lauten in der Wüste. Abrupt zügelte der Krieger der Ashkadarn seine Echse und lauschte. Es kam von rechts, wo einige Dutzend Schritt weiter eine große Düne die Sicht versperrte. Jafar lenkte seine Echse dorthin und ließ sie den Kamm aus losem Sand erklimmen, wobei sie ächzende Laute von sich gab und ein paar größere Sätze machte. Ihr Reiter hielt sich mühelos im Sattel und glich jeden Ruck mit einer entsprechenden Bewegung seiner Schenkel und seines Oberkörpers aus. Kurz vor der Kuppe ließ sich Jafar aus dem Sattel gleiten und die Echse ihren Weg fortsetzen. Er spähte über den Kamm. Auf der anderen Seite, am Boden einer größeren, von Felsen übersäten Senke fraß ein ausgewachsener, wilder Echsenbulle an mehreren spärlichen Sträuchern. Der Krieger hob angesichts der Größe des Tieres eine Braue. Allein der Kopf des Bullen schien zwei Schritte lang zu sein. Sein Maul endete in dem für männliche Exemplare seiner Art typischen Hornschnabel, der die Form eines Axtblattes hatte. Seinen Rücken säumte ein mehrere Hand breiter Kam, der mit dicker, ledriger Haut überzogen war, die im Sonnenlicht in unterschiedlichen Grüntönen leuchtete. An der Rückseite seiner Läufe saß je ein Horn von der Länge eines Unterarms. Überall wölbte sich die Haut über großen Muskelpartien.

Jafars Reittier trottete zielstrebig hinab in die Senke. Der Bulle gab sich unbeeindruckt, machte aber auch keine Drohgebärden und ließ das Weibchen näherkommen. Jafar beobachtete die Szene vom Dünenkamm aus. Die beiden Echsen beschnupperten sich und einen Moment lang schien es, als wäre der Bulle wirklich abgelenkt von Jafars Reittier. Doch dann wurde er sichtlich unruhig. In diesem Augenblick wurde Jafar klar, dass sein Plan einen wesentlichen Fehler hatte: Seine Echse roch stark nach Menschen. Ein Geruch, den der Bulle vielleicht gar nicht kannte, den er aber entweder nicht zuordnen konnte oder ihn mit Gefahr verband. Noch während der Krieger nachdachte fixierten ihn plötzlich die scharfen Augen des Bullen, der nun ein Brüllen ausstieß, das Jafar noch nie zuvor vernommen hatte. Im nächsten Moment stürmte mit donnernden Schritten  auf sein Versteck zu. Jafar blickte auf den Sand vor sich, der mit jedem Satz der heranstürmenden Echse vibrierte. Rasch sprang er auf und rannte so schnell ihn seine Füße auf dem lockeren Sand trugen ein Stück hinter dem Dünenkamm entlang, bevor er den Schwung nutzte und mit angezogenen Beinen über die Kuppe sprang, um auf der anderen Seite hinab in die Senke zu rollen. Glücklicherweise war die Düne steil genug. Seine rasche Bewegung entlang der Düne überraschte den angreifenden Bullen, der den Menschen eigentlich an einem anderen Punkt vermutet hatte. Sand spritzte auf, als das massige Haupt des Tieres den Dünenkamm an der Stelle durchbrach, wo der Krieger noch bis vor wenigen Herzschlägen gekauert hatte. Das gab Jafar genau die Zeit, die er benötigte, um den Grund der Senke zu erreichen. Er wandte sich nun dem Bullen zu, der bereits wieder auf ihn zustürmte. Jafar ließ seinen Blick wenige Herzschläge lang über Brust und Kopf der Kreatur gleiten, die von dicken Hornschuppen bedeckt waren. Sein Speer würde sie sicherlich nicht durchdringen können. Doch es war keine Zeit, über Alternativen nachzudenken. Jafar sprang zur Seite, sodass der Bulle mit gesenkter Schnauze nur etwa eine Armeslänge an ihm vorbeipreschte. Dabei streifte das Tier einen der Felsen, und kleine Gesteinssplitter regneten auf den Pher-Kadarn herab. Jafar rappelte sich wieder auf und schleuderte seinen Speer. Er traf den Bullen am rechten Hinterlauf, an einer Stelle, an der die Haut nicht sonderlich dick war. Das Tier brüllte vor Schmerz und wandte sich Jafar erneut zu, der nun zu seinen Säbeln griff und nahe an einen der Felsen heran trat. Normalerweise bevorzugte er den Kampf mit Säbel und Schild, doch das hätte hier überhaupt keinen Sinn gehabt, denn der Bulle hätte ihn einfach unter seinem nächsten Ansturm zerfetzt und Jafar gleich mit. Doch auch mit zwei Klingen, mit denen er keine allzu große Reichweite hatte, hatte er kaum eine Chance, das war ihm klar. Noch während er sich für den schlechten Wurf verfluchte, holte das Tier erneut Anlauf, wobei es der in seinem Fleisch steckende Speer zuerst nicht zu behindern schien. Aber nach wenigen Schritten begann der Bulle zu hinken, da die Verletzung wohl doch mehr Schmerzen bereitete, je mehr er sich bewegte. Jafar wich ihm aus, den Felsen immer zwischen sich und seinem tödlichen Gegner haltend. Für einen Augenblick umkreisten beide den Felsen. Das Spiel war für Jafar so allerdings nicht zu gewinnen. Schließlich sprang er mit zwei großen Sätzen hinauf auf den vom Sand zerschlissenen Stein und sprang die Echse dann kurzerhand von der Seite an. Seine Klingen hielt er dabei nach unten, um tiefere Wunden zu reißen. Der Bulle hatte ihn allerdings bereits kommen sehen und drehte sich zur Seite weg, sodass nur einer von Jafars herabsausenden Säbeln seine Flanke traf und sich durch die Haut grub. Der Krieger prallte gegen die Flanke des Tiers, das daraufhin einen weiteren Satz machte, der den Krieger einige Schritt weit durch die Luft schleuderte, bevor er hart auf dem Boden aufschlug. Jafar schmeckte Blut in seinem Mund und Schmerz durchzuckte für einen kurzen Moment seinen ganzen Körper. Rasch rollte er sich zur Seite weg hinter einen der anderen Felsen, als der Echsenbulle erneut auf ihn zukam. Diesmal sandte er dem Tier ein Wurfmesser hinterher, das jedoch nutzlos von dessen dicker Haut abprallte. Der Bulle griff erneut an. Er schien kein bisschen müde zu werden beim Versuch, ihn zu töten. Jafar stand mit dem Rücken zum Felsen und wartete bis zum letzten Augenblick, um dann erneut zur Seite zu springen. Das Tier aber hatte dazu gelernt. Es war den Kopf zur Seite, als es den Krieger passierte und sein massiger Kopf prallte gegen Jafar, als der sich mitten im Sprung befand. Es knackte laut, als sein rechter Arm brach und er prallte gegen eine der Felsen, der dabei in zwei Teile brach. Während Jafar mühsam wieder auf die Beine kam, stieß der Echsenbulle ein triumphierendes Brüllen aus und setzte zum letzten Angriff an. Jafar humpelte zum nächstgelegenen Felsen, gegen den er sich keuchend lehnte, um den Angriff des Tiers zu erwarten. Nun hatte er nur noch einen Säbel. Der andere lag auf dem vom Kampf mit dem Tier zertrampelten Boden. Der Krieger spürte, wie ihn seine Kräfte langsam verließen. Sein Arm schmerzte, als hätte man ihn in siedendes Öl getaucht. Er biss die Zähne zusammen und trat nach rechts neben den Felsen, um dann sofort wieder einen Satz in die Gegenrichtung zu machen.

Das Tier, das seiner Bewegung folgte, war bereits zu nahe, um dem Felsen auszuweichen. Es prallte mit voller Wucht gegen das Gestein und stolperte über dessen Brocken. Schon war Jafar zur Stelle, der, den Säbel fest in der Hand, am Hals der Kreatur ansetzte und seine Klinge durch Haut und Sehnen tief in das darunterliegende Gewebe trieb. Ein Schwall von Blut schoss aus der Wunde und besudelte Gesicht, Schwertarm und Kleider des Kriegers, bevor ihn eine weitere rasche Bewegung der Echse erneut von den Füßen hob und ihn einige Schritt durch die Luft schickte, bevor er wieder auf dem Boden ankam. Der Aufprall drückte Jafar die Luft aus den Lungen und ließ ihn Sterne sehen. Wieder knackte es, diesmal in seinem Brustkorb. Schmerzen durchfluteten ihn, stärker noch als zuvor. Ein roter Nebel begann, sein Sichtfeld zu füllen während er versuchte, wieder auf die Beine zu kommen. Diesmal gelang es ihm nicht mehr. Wie in Trance sah er die Echse mit schleppenden Schritten näher kommen, verschwommen, während sein Geist um Klarheit rang. Seine linke Hand fand einen Stein auf dem Sandboden und umklammerte ihn, während das Schnaufen und Brüllen des totwunden Tieres näher kam. Schon konnte Jafar den übelriechenden Atem des Bullen in seinem Gesicht spüren und erwartete, unter dessen nächstem Stoß zermalmt zu werden, doch nichts dergleichen geschah. Direkt vor dem mit Blut und Dreck beschmierten Krieger brach das mächtige Tier zusammen. Ein paar letzte Herzschläge pumpten dunkles Blut aus der Halswunde in den Sand der Wüste, dann hörte auch das laute Schnaufen des Bullen auf und Stille legte sich über die Senke. Der Stein entglitt Jafars Griff und er sackte zurück auf den Sandboden, während er versuchte, den Schwindel abzuschütteln, der ihn gefangen hielt. Am Himmel stand die Sonne und blendete ihn, als er nun auf dem Rücken lag. In seinem Kopf manifestierte sich ein Gedanke, der gegen die Schmerzen und die Schwindel anschrie. Er musste in den Schatten, sonst würde er, wenn er bewusstlos würde, mit Sicherheit sterben. Seine Kleidung war durchnässt und wies Risse auf, unter denen seine Haut rasch verbrennen würde.

Mühsam und unter Schmerzen kroch der Krieger der Ashkadarn zu einem der übrig gebliebenen Felsen und lehnte sich auf dessen Schattenseite an das Gestein. Mehrmals hustete oder spuckte er auf dem Weg dorthin Blut in den Sand, das nicht aufhören wollte, sich in seinem Mund zu sammeln. Er spürte, wie sich Dunkelheit von allen Seiten in sein Blickfeld schob. Sein letzter Gedanke, bevor er das Bewusstsein verlor, war bei seinem Vater und der Frage, wie dieser wohl auf die Nachricht vom Tod seines einzigen Sohnes reagieren würde. Wenn man seine Leiche denn jemals fand. Dann wurde alles schwarz.

 

Als Jafar wieder zu sich kam, lag er neben einem kleinen Feuer, dessen angenehme Wärme ihn vor der Kälte der Nacht bewahrte. Über ihm standen die drei Monde Pherkads am Himmel und mit ihnen viele tausend Sterne.

Als Jafar an sich herab blickte stellte er fest, dass er unter einer sauberen Decke lag. Sein gebrochener Arm schmerzte, befand sich aber in einer Schiene und auch um seine Brust hatte jemand einen festen Verband gewickelt. Dann bemerkte er eine Bewegung in seinem Augenwinkel und drehte leicht den Kopf.

Am Feuer saß eine Gestalt, deren Gesicht nur halbseitig vom Schein der Flammen angestrahlt wurde. Jafars Blick fiel auf fremdartige, dunkle Tätowierungen, die ein Dreiecksmuster auf der Haut seiner Backen und Wangen bildeten und den größten Teil seines kahlgeschorenen Kopfes bedeckten. Der Fremde legte gerade ein paar kleine Äste nach, klopfte sich die Hände ab und arbeitete dann an irgendetwas, das Jafar von seiner Position aus nicht sehen konnte. Er blickte wieder zum Himmel auf, schloss die Augen und dankte den Göttern von Stein und Sand dafür, dass er noch lebte.

Er musste wegegedämmert sein, denn als er die Augen wieder öffnete, hockte der Fremde direkt neben ihm und lächelte. In seiner Hand hielt er eine dampfende Schale, von der ein seltsamer Geruch aufstieg, wie ihn Jafar noch nie wahrgenommen hatte.

„Trink.“, sagte der Fremde in der Sprache der Pher-Kadarn, während er die Hand unter Jafars Kopf schob und die Schale an seine Lippen führte. „Du musst sehen.“

„Was sehen?“, wollte Jafar fragen, doch da flutete das warme Gebräu schon in seine Kehle. Der intensive Geschmack hatte einen scharfen Unterton, der sich in seinem Rachen ausbreitete und schmeckte und anfühlte, als hätte man Feuer in seinem Hals. Jafar hustete kurz, doch der Fremde hielt die Schale so zwischen seine Zähne gepresst, dass er nicht anders konnte, als weiter zu trinken, bis sie leer war. Das Brennen in seinem Hals wurde stärker und überdeckte die Schmerzen im Arm und Oberkörper. Dann kehrte die Dunkelheit zurück in Jafars Geist und er schlief erneut ein.

Im Traum sah er die Wüste von weit oben, mit den Augen eines Vogels, von denen es in den Oasen im großen Sand viele gab. Er flog über den Dünen und sah zu, wie sie mit dem Wind wanderten. Der Sand waberte, wie die Wellen eines großen Ozeans, wenn ein Sturm darüber peitschte. Etwas war falsch an diesem Bild. Etwas stimmte nicht mit dem Licht. Jafar wandte sich der Sonne zu. Dort, inmitten des hellen Scheins, schwebte eine Gestalt, die aus purem Feuer zu bestehen schien. Sie strahlte heller als der Stern, heller als alles, was Jafar in seinem Leben bisher erblickt hatte. Und er kam näher.

Dann sah er die Steinstatuen auf dem Sand. Statuen, wie er sie aus den Heiligtümern kannte, die sein Volk im großen Sand und in den Städten errichtet hatte. Heiligtümern, die den Göttern von Stein und Sand geweiht waren, jenen, die ihre Welt einst geschaffen hatten. So erzählten es die Schriften, die in den Wüstenstädten aufbewahrt wurden.

Vor Jafars Augen begannen die Statuen, zu zerbröckeln. Eingehüllt vom Licht, das von der Gestalt aus ging, die am Himmel über ihnen schwebte, wurden sie selbst zu Sand und verschwanden.

Die Gestalt wandte sich Jafar zu und kam näher.  Sie zeigte mit einem Finger auf ihn und der Schmerz in seinem Arm und seiner Brust war wieder da, brennender als zuvor, sodass er fast nicht mehr imstande war, zu atmen.

„Du musst sehen!“, erklang eine Stimme von weit her, dann zerbarst die Welt zu einem Regen aus Licht.

 

Es war noch kühl, als Jafar wieder aus dem Schlaf erwachte. Seine Echse stand über ihm und leckte ihm mit ihrer rauen Zunge die Stirn. Er hob den gesunden Arm unter der Decke hervor, schob die Schnauze des Tieres beiseite und brachte sie mit einem Zischen dazu, einige Schritt weg zu trotten. Dann wischte er sich den Speichel von der Stirn und versuchte, sich langsam aufzusetzen. Es gelang ihm, wenn auch unter Schmerzen.

Drei Schritte entfernt saß der Fremde am Feuer. Über den Flammen hing ein kleiner Kochtopf aus einem grünlich schimmernden Metall, in dem er mit einem Holzlöffel herum rührte, bevor er den Blick hob und den Jafars suchte.

„Willkommen zurück unter den Lebenden.“, sagte er und lächelte, wobei er gelbliche Zähne entblößte. „Wie fühlst du dich?“

Jafar, der sich noch immer wunderte, dass der Mann seine Sprache praktisch ohne Akzent beherrschte, obwohl er dem Aussehen nach nicht aus einer der Städte im großen Sand stammte, nickte in Richtung seines gebrochenen Armes.

„Es schmerzt noch hier und da, aber es geht mir gut.“, sagte er und fügte nach einem kurzen Zögern noch ein „Danke.“ hinzu.

Der Fremde lächelte, während er erneut den Inhalt des Topfes umrührte. „Es würde mich auch wundern, wenn es anders wäre, denn du hast drei Tage und Nächte geschlafen, seit ich dich fand.“

Jafar brauchte einen Moment, bis er begriff, was der Fremde gesagt hatte. Er hätte nicht gedacht, dass so viel Zeit vergangen war.

Sein Kopf fuhr herum zum Kadaver des Echsenbullen, der einige Schritt entfernt in der Sonne verweste. Die Haut! Jafar musste ihm einen Teil seiner Haut abziehen, um sich die Echsenrüstung machen zu können, das Zeichen derer, die eine Echse im Zweikampf besiegt hatten. Aber drei Tage waren eine lange Zeit gewesen. Ausreichend, damit die Verwesung in der prallen Sonne viel Schaden anrichtete. Die Haut sah fleckig aus und sie würde sicherlich stinken, wenn die Fettschicht unter den Hornschuppen geronnen war und verfaulte. Die Schuppen würden einzeln abfallen und es würde nicht mehr möglich sein, sie zu einem Torsopanzer zu verarbeiten.

Der Fremde schien seine Gedanken zu erraten.
„Keine Sorge.“, sagte er. „Ich habe ausreichend Haut geschnitten, dass du eine Rüstung daraus fertigen kannst. Sie ist sogar schon fast getrocknet. Er nickte in Richtung eines Gestells hinter ihm, das Jafar bisher noch nicht aufgefallen war. Daran hingen mehrere große Stücke der dicken Echsenhaut. Der Sand darunter war fleckig und glitzerte leicht, ein Anzeichen dafür, dass der Fremde die Rückseite der Haut mit Salz eingerieben hatte, so wie es sein musste, wenn man die Verwesung verhindern wollte, bevor man dazu kam, zu gerben.

Jafars überraschter, fragender Blick schien den Fremden zu amüsieren.

„Die Arznei, die ich dich habe trinken lassen, macht schläfrig und sie hilft dem Körper, sich selbst zu heilen. Aber sie macht so Manchen auch sehr gesprächig, wenn er zwischen dieser Welt und der anderen weilt…“

„Von welcher anderen Welt redest du?“, wollte Jafar wissen.

Der Fremde lächelte. „Der Welt, in die unser Geist reist, wenn wir schlafen.“

Er rührte abermals in dem Topf herum und warf dabei einen kurzen Blick auf den Inhalt, bevor er Jafar wieder ansah.

„Die Welt, in der mein Gott sich jenen zeigt, die seine Auserwählten sind.“

Die Erinnerung an die zerfallenden Statuen trat vor Jafars inneres Auge. Und die an die leuchtende Gestalt, die aus der Sonne kam.

Der Fremde, der ihn eindringlich musterte, nickte kaum sichtbar. „Ja. Du hast gesehen.“, stellte er dann fest.

„Ich habe die Bilder unserer Götter gesehen…“, sagte Jafar schwach, während er sich wieder auf sein Lager sinken ließ.

„Sie wurden zerstört.“

Der Fremde nickte.

„Eure Götter haben eure Welt vor langer Zeit verlassen.“, sagte er. „Ihr habt es nicht bemerkt, aber sie waren bereits fort, als deine Urgroßeltern lebten. Vielleicht auch schon, als deren Urgroßeltern lebten.“

Er hob eine Hand, als Jafar sich aufsetzte und zu einer Antwort ansetzte.

„Hör mir zu, Jafar Al’Halil, Aleshgar von Ashkadar.“, sagte er laut, während er sich erhob. „Wieso eure Götter euch verlassen haben, kann ich dir nicht sagen. Ihr Handeln entzieht sich dem Verständnis der Menschen. Es sei denn, sie sprechen zu uns, in unseren Träumen.“

Er hatte das Feuer umrundet und stand nun über dem Verletzten.

„Sag mir, Jafar, wann haben deine Götter jemals in deinen Träumen zu dir gesprochen?“

Jafar blickte ihn einen Moment lang an. „Wer bist du?“, fragte er dann in ernstem Ton.

„Mein Name ist Rafo.“, sagte der Fremde.

„Du bist nicht aus einer der Städte meines Volkes.“, stellte Jafar fest.

Rafo schüttelte den Kopf.

„Das ist richtig. Ich komme von weit her.“

„Und dort verehrt man einen anderen Gott.“ Auch das war keine Frage und der Ältere nickte.

„Wo ich her komme beten wir zu Esheren, dem Herrn des Lichts, dessen Priester ich bin.“

Als Jafar ihm darauf nichts entgegnete, ging Rafo zum Feuer, schöpfte einen Teil des Inhalts des Topfes in eine hölzerne Essschale und hielt sie dann Jafar hin.

„Echse?“, fragte er.

Willkommen

Liebe Besucher,

 

herzlichen willkommen auf „Die Pfade der Götter“, der Website zu meinem gleichnamigen Fortsetzungsroman. Hier, so zumindest der Plan, möchte ich in den kommenden Wochen und Monaten immer wieder neue Teile eines Buchs veröffentlichen, dessen Grundideen mir schon eine ganze Weile im Kopf herum spukten. Und irgendwann müssen die dann auch mal auf’s „Papier“, sonst ist mein Kopf zu voll damit.

Ich wünsche allen viel Spaß beim Lesen und freue mich auf Feedback und Kommentare.

Gruß,
Nick

Prolog

Stille lag über den Dünen, unterbrochen nur vom unregelmäßigen Säuseln des Windes, der den Sand auf ihren Kämmen verwirbelte, wie schon seit Anbeginn der Zeit. Noch war es kühl in der Wüste, doch am Horizont kündete ein rasch heller werdendes Leuchten vom Aufgang der Sonne, deren Hitze den Sand schon bald wieder zum Glühen bringen würde. Es wurde Tag über Pherkad, wie die Bewohner jener Welt ihre Heimat nannten. Über der Wüste, die sich in alle Himmelsrichtungen erstreckte, so weit das Auge reichte und so weit die Füße oder die Reittiere trugen. Noch nie hatte jemand ihr Ende erreicht, so hieß es. Wer es zu erreichen suchte, der endete nach ein paar Wochen als ein Haufen Knochen im Sand, den die Sonne rasch ausbleichte und in den Skorpione ihre Nester bauten. Die Bewohner Pherkads, die Krieger der Ashkadarn, nannten die Wüste schlicht und einfach „den großen Sand“. Es gab keinen Grund, das noch näher zu beschreiben, denn das war es, was die Wüste war. Mit einer Ausnahme allerdings, nämlich den gläsernen Dünen einige Tagesreisen südlich ihrer südlichsten Stadt. Dort, in der Nähe des Äquators ihrer Welt, ließ die Hitze den Sand in den Mittagsstunden zu Glas schmelzen, das ihr Licht später so stark reflektierte, dass man davon blind werden konnte. In diese Gegenden begab sich normalerweise niemand. Und wenn, dann nur, um ein paar Stücke Glas mitzunehmen, mit denen die Fassaden vieler aus Lehm und Stein errichteter Häuser verziert wurden.

Neben den Städten, ein paar Heiligtümern und einigen Oasen gab es kaum markante Orte im großen Sand nördlich des Äquators. Aber es gab eine Reihe alter, in Vergessenheit geratener Orte, Zeugen einer Vergangenheit, die in der Gegenwart keine Bedeutung mehr hatte. An jenen Plätzen ragten uralte Obelisken aus dem Sand, verziert mit Schriftzeichen, deren Bedeutung niemand mehr kannte. Die Ashkadarn besaßen keine Aufzeichnungen über die Zeit vor den Kriegen, die sie seit vielen Generationen gegeneinander austrugen. All ihre Geschichtsbücher waren Erzählungen von Schlachten gegen andere Stämme und Erzählungen von den Heldentaten Einzelner, die sich unter den Kriegern ihres Volkes hervor getan hatten. Für alte Steine interessierte sich niemand. Und doch waren es eben jene, vom Sand schon beinahe glatt geschliffenen Steine, in denen der Schlüssel zur Zukunft ganz Pherkads ruhte.

Auf jener Welt gab es nur einen Ort, an dem ein vollkommen mit Schriftzeichen überzogener Steinbogen aus dem Sand ragte. Er lag so weit verschüttet, dass ein Mann nicht mehr unter dem Bogen hindurch laufen konnte. Auf dem Stein saßen einige kleine Echsen mit grünlich schimmernder Haut, Verwandte der großen und mächtigen Tiere, auf denen die Ashkadarn in die Schlacht ritten. Sie hatten die kühlen Stunden der Nacht hier verbracht, da der Stein die Hitze des Vortages nur zögerlich wieder preis gab und ihnen so einen warmen Schlafplatz bescherte. Nun, da das Licht der Sonne mit jedem Schlag ihrer Herzen näher kam und die Temperaturen bereits wieder spürbar stiegen, verließen die Tiere ihren Schlafplatz wieder.

Doch es war nicht nur die heraufziehende Hitze des kommenden Tages, die sie dazu bewog. Die Tiere spürten, dass sich etwas an dem Gestein veränderte. Die alten Schriftzeichen hatten schwach zu leuchten begonnen, während der Bogen kaum spürbar vibrierte und ein leises Geräusch von sich gab. Es klang wie das Flüstern von Stimmen von weit her. Der goldgelbe Sand tanzte um die Steine herum, anders als sonst, wenn er vom Wind bewegt wurde. Es bildeten sich kleine Staubwolken, die mal auf die Steine zu, mal von ihnen fort schwebten, während das Vibrieren stärker und das Flüstern allmählich lauter wurde. Der Sand innerhalb des Bogens bewegte sich, wie von einem unsichtbaren Besen beiseite gekehrt. Größer und größer wurden die Staubwolken, die schließlich begannen, mit wachsender Geschwindigkeit um den Bogen zu kreisen. Auch die Vibrationen wurden stärker und die Zeichen am Bogen leuchteten nun hell durch den aufgewirbelten Sand hindurch. Die Stimmen flüsterten weiter und es schienen mehr und mehr hinzu zu kommen, bis sie schließlich alle im selben Moment verstummten. Etwa einen Herzschlag lang herrschte völlige Stille. Dann explodierte er steinerne Bogen in einer Wolke hellen Lichts, das aus seiner Mitte schoss und den Sand nach allen Seiten hinfort fliegen ließ. Der Torbogen war nun vollkommen freigelegt und an seinem Fuß kam ein steinernes Podest zum Vorschein, auf dem ebenfalls helle Zeichen leuchteten. Im Torbogen manifestierte sich eine Scheibe, die aus purem Licht zu bestehen schien. Es wirkte, als sähe man durch sie hindurch wie durch milchiges Glas.  Dahinter bewegten sich schemenhafte Gestalten. Eine von ihnen trat näher an das Licht heran und berührte sie mit einer ihrer Hände. Das Licht veränderte seine Farbe und wurde ein wenig dunkler. Das Flüstern kehrte zurück, leiser als wenige Augenblicke zuvor. Die Gestalt vollführte eine Geste und trat schließlich einfach durch das Licht hindurch, wobei ihre Umrisse aufleuchteten, als hätte sie von Kopf bis Fuß Feuer gefangen. Mit einem schweren Schritt trat sie auf das Podest, auf dem der Steinbogen ruhte. Hinter ihr erlosch das Licht innerhalb des Bogens und der Schriftzeichen darauf. Nichts vibrierte mehr, nichts erhellte den Ort mehr bis auf die Sonne, die sich soeben vom Horizont erhob. Ringsumher rieselte der Sand lautlos zu Boden.

Die Gestalt hob einen Arm und schob die Kapuze zurück, die ihr Gesicht bislang verborgen hatte. Sand rieselte an seiner hageren Gestalt hinab zu Boden. Zum Vorschein kam das Gesicht eines Mannes, der die Augen schloss und die Luft tief in seine Lungen zog. Die Fältchen um seine Augenlieder und Mundwinkel kündeten von seinem fortgeschrittenen Alter, die Tätowierungen, die sein haarloses Haupt überzogen und deren dunkles Rot kaum einen Kontrast zu seiner sonnengebräunten Haut bildeten, von einer fremden Kultur. In seiner Rechten ruhte ein Stab aus dunklem Holz, an dem die gleichen Zeichen prangten wie an dem steinernen Bogen, durch den der Fremde gerade getreten war. Er ließ seinen Blick über die Dünen wandern, die den Ort umgaben und lächelte. Dann richtete er seine Gewänder, die aus ockerfarbenem Tuch bestanden und trat an den Rand des steinernen Podests. Kurz schien er sich anhand des Sonnenstandes zu orientieren, dann schritt er, ohne sich noch einmal nach dem steinernen Bogen umzusehen, hinaus in die Wüste.