Kapitel I

I

 

Jafar Al’Halil saß auf dem Rücken seiner Sandechse, den zwei Schritte langen Kampfspeer vor sich locker über den ledernen Sattel gelegt und spähte in die Ferne nahe der Linie, an der der Sand den Himmel zu berühren schien. Er schloss die Augen und sog die noch kühle Luft der weichenden Nacht in sich auf. Sie hatte keinen bestimmten Geruch und dennoch schien sie besser zu schmecken als die staubige Luft, die man tagsüber atmen musste. Er streifte den Mantel aus dunklem, mit Stickereien verziertem Stoff ab, der ihn vor der Kälte der Nacht geschützt hatte und verstaute ihn in einer der Satteltaschen. Dann überprüfte er nachdenklich seine beiden Säbel. Die leicht geschwungenen Klingen ließen sich recht leicht ziehen. Zufrieden rückte Jafar seinen Turban zurecht, legte die Hände ruhig auf den Sattelknauf und spähte wieder zum Horizont.

Mit dem Tag zog auch die Stunde seiner Prüfung herauf, die schwerer sein würde als alle anderen zuvor. Sein Vater hatte ihm einmal gesagt, dass das Leben ein schmaler Pfad zwischen vielen verschiedenen Toden sei. Ein Pfad, auf dem hin und wieder Hindernisse warteten, die es zu überwinden galt. Heute würde er auf ein ganz besonderes Hindernis treffen, an dem schon viele Krieger seines Volkes gescheitert waren, der Kampf gegen eine der großen Sandechsen Pherkads. Nicht eines der zahmen Weibchen, auf denen Jafar schon geritten war, seit er dem Säuglingsalter entwachsen war, sondern eines der voll ausgewachsenen wilden Männchen, die den großen Sand durchstreiften und die man unmöglich zähmen konnte. Es war keine Prüfung, die ein Krieger der Pher-Kadarn leichtfertig auf sich nahm, denn sie galt als ultimativer Test seiner Fähigkeiten im Kampf. Wer sie bestand genoss fortan großen Respekt und erwarb Ruhm und Ansehen bei seinem Volk.
In einer Zeit, in der jeder, der lange genug lebte, den einen oder anderen Sieg in der Schlacht vorzuweisen hatte, bedeutete dies Vielen eine Menge.

Jeder, der in der Hierarchie seines Stammes aufsteigen wollte, musste sich früher oder später einer Sandechse stellen. Jafars Vater hatte es im Jahr seines sechsundzwanzigsten Großsturm getan, jünger als Jafar jetzt. Er zählte bereits über dreißig Großstürme, wie man die jedes Jahr wiederkehrenden Wetterphänomene nannte, die die Wüste und ihre Bewohner tagelang aufwirbelten bis der Sand auch noch in die letzte Ecke ihrer Behausungen gedrungen war. Jafar fühlte sich mehr als bereit, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Dass er dies als Krieger seines Volkes konnte hatte er schon bei diversen Gelegenheiten bewiesen. Dass er einer ihrer besten war würde er nun beweisen müssen. Und eines Tages, so hoffte er, würde er auch die Nachfolge als einer seiner Führer antreten, eines Mehden der Ashkadarn. Der brüchige Waffenstillstand mit zwei benachbarten Städten im großen Sand wurde von seinen Leuten als ein gutes Zeichen angesehen und gab ihm die Zeit, die er für seine Prüfung benötigte. Und nun war er hier, in der schier endlosen Weite des großen Sandes, nicht weit von den gläsernen Dünen.

Jafar ließ die Zügel seines Tieres lose baumeln, schon seit der Mitte der Nacht. Es war die Zeit des Sommers, in der sich die Tiere normalerweise paarten und der Instinkt, ein geeignetes Männchen zu finden, war bei den Echsenweibchen in diesen Tagen stärker denn je. Und so würde sein Reittier, wenn er lange genug nicht einschritt, danach streben, das zu tun, wozu die Natur es rief. Man sagte, dass es so wesentlich einfacher war, ein ausgewachsenes Männchen zu finden. Und es schien zu stimmen, denn es dauerte nicht allzu lange, bis seine Echse auffallend oft stehen blieb und ihre Nüstern schnaufend in den Wüstensand drückte.

Ihr Reiter ließ sie gewähren. Das etwa sechs Schritte lange und mehr als mannshohe Tier wiegte sich unruhig hin und her und kratzte dabei mit den fingerlangen Krallen, die am Ende ihrer Zehen saßen, im Sand.

Der suchende Blick des Kriegers fand keinerlei Fußspuren, doch das musste nichts bedeuten, denn der Wind hatte die ganze Nacht geweht und sicherlich jede Spur im Sand beseitigt. Die Echse trottete weiter, auf ein für ihren Reiter nicht wahrnehmbares Ziel zu. Jafar ließ sie ihren eigenen Weg suchen, doch suchte sein Blick ständig die Umgebung ab, denn er wollte kein Risiko eingehen, von einem ausgewachsenen Echsenmännchen überrascht zu werden. Wenn er Glück hatte, näherten sie sich gegen den Wind, sodass das mächtige Tier keine Witterung aufnehmen konnte und nicht gewarnt war. Doch das war nicht sicher, denn die Winde drehten in dieser Gegend mehrmals am Tag.

 

Die Sonne stand bereits recht hoch am Himmel, als das Tier noch einmal unruhiger wurde. Vor ihnen lag ein Teil der Wüste, der mit bizarren Felsformationen durchzogen war, die nur etwa zwei bis drei Schritt aus dem Sand heraus ragten. Jafar übernahm wieder die Kontrolle über sein Reittier und lenkte es einen Dünenkamm entlang, vorbei an mehreren Felsen, die Sand und Wind bereits zum größten Teil zerrieben hatten. Nur noch etwa oberschenkeldicke Säulen ragten in den wolkenlosen Himmel, von dem die Sonne mittlerweile heiß herab brannte. In der trockenen Luft waren die drei Monde Pherkads deutlich am Himmel zu erkennen. Inash, genannt der weiße, Halish, den man aufgrund seines Glanzes den Goldenen nannte und Wenash, aufgrund seiner geringen Größe auch genannt der Ferne.

Die Hitze flimmerte über dem Sand. Da trug der Wind vertraute Geräusche an seine Ohren. Ein Schnauben und Stampfen, deutlich zu unterscheiden von allen anderen Lauten in der Wüste. Abrupt zügelte der Krieger der Ashkadarn seine Echse und lauschte. Es kam von rechts, wo einige Dutzend Schritt weiter eine große Düne die Sicht versperrte. Jafar lenkte seine Echse dorthin und ließ sie den Kamm aus losem Sand erklimmen, wobei sie ächzende Laute von sich gab und ein paar größere Sätze machte. Ihr Reiter hielt sich mühelos im Sattel und glich jeden Ruck mit einer entsprechenden Bewegung seiner Schenkel und seines Oberkörpers aus. Kurz vor der Kuppe ließ sich Jafar aus dem Sattel gleiten und die Echse ihren Weg fortsetzen. Er spähte über den Kamm. Auf der anderen Seite, am Boden einer größeren, von Felsen übersäten Senke fraß ein ausgewachsener, wilder Echsenbulle an mehreren spärlichen Sträuchern. Der Krieger hob angesichts der Größe des Tieres eine Braue. Allein der Kopf des Bullen schien zwei Schritte lang zu sein. Sein Maul endete in dem für männliche Exemplare seiner Art typischen Hornschnabel, der die Form eines Axtblattes hatte. Seinen Rücken säumte ein mehrere Hand breiter Kam, der mit dicker, ledriger Haut überzogen war, die im Sonnenlicht in unterschiedlichen Grüntönen leuchtete. An der Rückseite seiner Läufe saß je ein Horn von der Länge eines Unterarms. Überall wölbte sich die Haut über großen Muskelpartien.

Jafars Reittier trottete zielstrebig hinab in die Senke. Der Bulle gab sich unbeeindruckt, machte aber auch keine Drohgebärden und ließ das Weibchen näherkommen. Jafar beobachtete die Szene vom Dünenkamm aus. Die beiden Echsen beschnupperten sich und einen Moment lang schien es, als wäre der Bulle wirklich abgelenkt von Jafars Reittier. Doch dann wurde er sichtlich unruhig. In diesem Augenblick wurde Jafar klar, dass sein Plan einen wesentlichen Fehler hatte: Seine Echse roch stark nach Menschen. Ein Geruch, den der Bulle vielleicht gar nicht kannte, den er aber entweder nicht zuordnen konnte oder ihn mit Gefahr verband. Noch während der Krieger nachdachte fixierten ihn plötzlich die scharfen Augen des Bullen, der nun ein Brüllen ausstieß, das Jafar noch nie zuvor vernommen hatte. Im nächsten Moment stürmte mit donnernden Schritten  auf sein Versteck zu. Jafar blickte auf den Sand vor sich, der mit jedem Satz der heranstürmenden Echse vibrierte. Rasch sprang er auf und rannte so schnell ihn seine Füße auf dem lockeren Sand trugen ein Stück hinter dem Dünenkamm entlang, bevor er den Schwung nutzte und mit angezogenen Beinen über die Kuppe sprang, um auf der anderen Seite hinab in die Senke zu rollen. Glücklicherweise war die Düne steil genug. Seine rasche Bewegung entlang der Düne überraschte den angreifenden Bullen, der den Menschen eigentlich an einem anderen Punkt vermutet hatte. Sand spritzte auf, als das massige Haupt des Tieres den Dünenkamm an der Stelle durchbrach, wo der Krieger noch bis vor wenigen Herzschlägen gekauert hatte. Das gab Jafar genau die Zeit, die er benötigte, um den Grund der Senke zu erreichen. Er wandte sich nun dem Bullen zu, der bereits wieder auf ihn zustürmte. Jafar ließ seinen Blick wenige Herzschläge lang über Brust und Kopf der Kreatur gleiten, die von dicken Hornschuppen bedeckt waren. Sein Speer würde sie sicherlich nicht durchdringen können. Doch es war keine Zeit, über Alternativen nachzudenken. Jafar sprang zur Seite, sodass der Bulle mit gesenkter Schnauze nur etwa eine Armeslänge an ihm vorbeipreschte. Dabei streifte das Tier einen der Felsen, und kleine Gesteinssplitter regneten auf den Pher-Kadarn herab. Jafar rappelte sich wieder auf und schleuderte seinen Speer. Er traf den Bullen am rechten Hinterlauf, an einer Stelle, an der die Haut nicht sonderlich dick war. Das Tier brüllte vor Schmerz und wandte sich Jafar erneut zu, der nun zu seinen Säbeln griff und nahe an einen der Felsen heran trat. Normalerweise bevorzugte er den Kampf mit Säbel und Schild, doch das hätte hier überhaupt keinen Sinn gehabt, denn der Bulle hätte ihn einfach unter seinem nächsten Ansturm zerfetzt und Jafar gleich mit. Doch auch mit zwei Klingen, mit denen er keine allzu große Reichweite hatte, hatte er kaum eine Chance, das war ihm klar. Noch während er sich für den schlechten Wurf verfluchte, holte das Tier erneut Anlauf, wobei es der in seinem Fleisch steckende Speer zuerst nicht zu behindern schien. Aber nach wenigen Schritten begann der Bulle zu hinken, da die Verletzung wohl doch mehr Schmerzen bereitete, je mehr er sich bewegte. Jafar wich ihm aus, den Felsen immer zwischen sich und seinem tödlichen Gegner haltend. Für einen Augenblick umkreisten beide den Felsen. Das Spiel war für Jafar so allerdings nicht zu gewinnen. Schließlich sprang er mit zwei großen Sätzen hinauf auf den vom Sand zerschlissenen Stein und sprang die Echse dann kurzerhand von der Seite an. Seine Klingen hielt er dabei nach unten, um tiefere Wunden zu reißen. Der Bulle hatte ihn allerdings bereits kommen sehen und drehte sich zur Seite weg, sodass nur einer von Jafars herabsausenden Säbeln seine Flanke traf und sich durch die Haut grub. Der Krieger prallte gegen die Flanke des Tiers, das daraufhin einen weiteren Satz machte, der den Krieger einige Schritt weit durch die Luft schleuderte, bevor er hart auf dem Boden aufschlug. Jafar schmeckte Blut in seinem Mund und Schmerz durchzuckte für einen kurzen Moment seinen ganzen Körper. Rasch rollte er sich zur Seite weg hinter einen der anderen Felsen, als der Echsenbulle erneut auf ihn zukam. Diesmal sandte er dem Tier ein Wurfmesser hinterher, das jedoch nutzlos von dessen dicker Haut abprallte. Der Bulle griff erneut an. Er schien kein bisschen müde zu werden beim Versuch, ihn zu töten. Jafar stand mit dem Rücken zum Felsen und wartete bis zum letzten Augenblick, um dann erneut zur Seite zu springen. Das Tier aber hatte dazu gelernt. Es war den Kopf zur Seite, als es den Krieger passierte und sein massiger Kopf prallte gegen Jafar, als der sich mitten im Sprung befand. Es knackte laut, als sein rechter Arm brach und er prallte gegen eine der Felsen, der dabei in zwei Teile brach. Während Jafar mühsam wieder auf die Beine kam, stieß der Echsenbulle ein triumphierendes Brüllen aus und setzte zum letzten Angriff an. Jafar humpelte zum nächstgelegenen Felsen, gegen den er sich keuchend lehnte, um den Angriff des Tiers zu erwarten. Nun hatte er nur noch einen Säbel. Der andere lag auf dem vom Kampf mit dem Tier zertrampelten Boden. Der Krieger spürte, wie ihn seine Kräfte langsam verließen. Sein Arm schmerzte, als hätte man ihn in siedendes Öl getaucht. Er biss die Zähne zusammen und trat nach rechts neben den Felsen, um dann sofort wieder einen Satz in die Gegenrichtung zu machen.

Das Tier, das seiner Bewegung folgte, war bereits zu nahe, um dem Felsen auszuweichen. Es prallte mit voller Wucht gegen das Gestein und stolperte über dessen Brocken. Schon war Jafar zur Stelle, der, den Säbel fest in der Hand, am Hals der Kreatur ansetzte und seine Klinge durch Haut und Sehnen tief in das darunterliegende Gewebe trieb. Ein Schwall von Blut schoss aus der Wunde und besudelte Gesicht, Schwertarm und Kleider des Kriegers, bevor ihn eine weitere rasche Bewegung der Echse erneut von den Füßen hob und ihn einige Schritt durch die Luft schickte, bevor er wieder auf dem Boden ankam. Der Aufprall drückte Jafar die Luft aus den Lungen und ließ ihn Sterne sehen. Wieder knackte es, diesmal in seinem Brustkorb. Schmerzen durchfluteten ihn, stärker noch als zuvor. Ein roter Nebel begann, sein Sichtfeld zu füllen während er versuchte, wieder auf die Beine zu kommen. Diesmal gelang es ihm nicht mehr. Wie in Trance sah er die Echse mit schleppenden Schritten näher kommen, verschwommen, während sein Geist um Klarheit rang. Seine linke Hand fand einen Stein auf dem Sandboden und umklammerte ihn, während das Schnaufen und Brüllen des totwunden Tieres näher kam. Schon konnte Jafar den übelriechenden Atem des Bullen in seinem Gesicht spüren und erwartete, unter dessen nächstem Stoß zermalmt zu werden, doch nichts dergleichen geschah. Direkt vor dem mit Blut und Dreck beschmierten Krieger brach das mächtige Tier zusammen. Ein paar letzte Herzschläge pumpten dunkles Blut aus der Halswunde in den Sand der Wüste, dann hörte auch das laute Schnaufen des Bullen auf und Stille legte sich über die Senke. Der Stein entglitt Jafars Griff und er sackte zurück auf den Sandboden, während er versuchte, den Schwindel abzuschütteln, der ihn gefangen hielt. Am Himmel stand die Sonne und blendete ihn, als er nun auf dem Rücken lag. In seinem Kopf manifestierte sich ein Gedanke, der gegen die Schmerzen und die Schwindel anschrie. Er musste in den Schatten, sonst würde er, wenn er bewusstlos würde, mit Sicherheit sterben. Seine Kleidung war durchnässt und wies Risse auf, unter denen seine Haut rasch verbrennen würde.

Mühsam und unter Schmerzen kroch der Krieger der Ashkadarn zu einem der übrig gebliebenen Felsen und lehnte sich auf dessen Schattenseite an das Gestein. Mehrmals hustete oder spuckte er auf dem Weg dorthin Blut in den Sand, das nicht aufhören wollte, sich in seinem Mund zu sammeln. Er spürte, wie sich Dunkelheit von allen Seiten in sein Blickfeld schob. Sein letzter Gedanke, bevor er das Bewusstsein verlor, war bei seinem Vater und der Frage, wie dieser wohl auf die Nachricht vom Tod seines einzigen Sohnes reagieren würde. Wenn man seine Leiche denn jemals fand. Dann wurde alles schwarz.

 

Als Jafar wieder zu sich kam, lag er neben einem kleinen Feuer, dessen angenehme Wärme ihn vor der Kälte der Nacht bewahrte. Über ihm standen die drei Monde Pherkads am Himmel und mit ihnen viele tausend Sterne.

Als Jafar an sich herab blickte stellte er fest, dass er unter einer sauberen Decke lag. Sein gebrochener Arm schmerzte, befand sich aber in einer Schiene und auch um seine Brust hatte jemand einen festen Verband gewickelt. Dann bemerkte er eine Bewegung in seinem Augenwinkel und drehte leicht den Kopf.

Am Feuer saß eine Gestalt, deren Gesicht nur halbseitig vom Schein der Flammen angestrahlt wurde. Jafars Blick fiel auf fremdartige, dunkle Tätowierungen, die ein Dreiecksmuster auf der Haut seiner Backen und Wangen bildeten und den größten Teil seines kahlgeschorenen Kopfes bedeckten. Der Fremde legte gerade ein paar kleine Äste nach, klopfte sich die Hände ab und arbeitete dann an irgendetwas, das Jafar von seiner Position aus nicht sehen konnte. Er blickte wieder zum Himmel auf, schloss die Augen und dankte den Göttern von Stein und Sand dafür, dass er noch lebte.

Er musste wegegedämmert sein, denn als er die Augen wieder öffnete, hockte der Fremde direkt neben ihm und lächelte. In seiner Hand hielt er eine dampfende Schale, von der ein seltsamer Geruch aufstieg, wie ihn Jafar noch nie wahrgenommen hatte.

„Trink.“, sagte der Fremde in der Sprache der Pher-Kadarn, während er die Hand unter Jafars Kopf schob und die Schale an seine Lippen führte. „Du musst sehen.“

„Was sehen?“, wollte Jafar fragen, doch da flutete das warme Gebräu schon in seine Kehle. Der intensive Geschmack hatte einen scharfen Unterton, der sich in seinem Rachen ausbreitete und schmeckte und anfühlte, als hätte man Feuer in seinem Hals. Jafar hustete kurz, doch der Fremde hielt die Schale so zwischen seine Zähne gepresst, dass er nicht anders konnte, als weiter zu trinken, bis sie leer war. Das Brennen in seinem Hals wurde stärker und überdeckte die Schmerzen im Arm und Oberkörper. Dann kehrte die Dunkelheit zurück in Jafars Geist und er schlief erneut ein.

Im Traum sah er die Wüste von weit oben, mit den Augen eines Vogels, von denen es in den Oasen im großen Sand viele gab. Er flog über den Dünen und sah zu, wie sie mit dem Wind wanderten. Der Sand waberte, wie die Wellen eines großen Ozeans, wenn ein Sturm darüber peitschte. Etwas war falsch an diesem Bild. Etwas stimmte nicht mit dem Licht. Jafar wandte sich der Sonne zu. Dort, inmitten des hellen Scheins, schwebte eine Gestalt, die aus purem Feuer zu bestehen schien. Sie strahlte heller als der Stern, heller als alles, was Jafar in seinem Leben bisher erblickt hatte. Und er kam näher.

Dann sah er die Steinstatuen auf dem Sand. Statuen, wie er sie aus den Heiligtümern kannte, die sein Volk im großen Sand und in den Städten errichtet hatte. Heiligtümern, die den Göttern von Stein und Sand geweiht waren, jenen, die ihre Welt einst geschaffen hatten. So erzählten es die Schriften, die in den Wüstenstädten aufbewahrt wurden.

Vor Jafars Augen begannen die Statuen, zu zerbröckeln. Eingehüllt vom Licht, das von der Gestalt aus ging, die am Himmel über ihnen schwebte, wurden sie selbst zu Sand und verschwanden.

Die Gestalt wandte sich Jafar zu und kam näher.  Sie zeigte mit einem Finger auf ihn und der Schmerz in seinem Arm und seiner Brust war wieder da, brennender als zuvor, sodass er fast nicht mehr imstande war, zu atmen.

„Du musst sehen!“, erklang eine Stimme von weit her, dann zerbarst die Welt zu einem Regen aus Licht.

 

Es war noch kühl, als Jafar wieder aus dem Schlaf erwachte. Seine Echse stand über ihm und leckte ihm mit ihrer rauen Zunge die Stirn. Er hob den gesunden Arm unter der Decke hervor, schob die Schnauze des Tieres beiseite und brachte sie mit einem Zischen dazu, einige Schritt weg zu trotten. Dann wischte er sich den Speichel von der Stirn und versuchte, sich langsam aufzusetzen. Es gelang ihm, wenn auch unter Schmerzen.

Drei Schritte entfernt saß der Fremde am Feuer. Über den Flammen hing ein kleiner Kochtopf aus einem grünlich schimmernden Metall, in dem er mit einem Holzlöffel herum rührte, bevor er den Blick hob und den Jafars suchte.

„Willkommen zurück unter den Lebenden.“, sagte er und lächelte, wobei er gelbliche Zähne entblößte. „Wie fühlst du dich?“

Jafar, der sich noch immer wunderte, dass der Mann seine Sprache praktisch ohne Akzent beherrschte, obwohl er dem Aussehen nach nicht aus einer der Städte im großen Sand stammte, nickte in Richtung seines gebrochenen Armes.

„Es schmerzt noch hier und da, aber es geht mir gut.“, sagte er und fügte nach einem kurzen Zögern noch ein „Danke.“ hinzu.

Der Fremde lächelte, während er erneut den Inhalt des Topfes umrührte. „Es würde mich auch wundern, wenn es anders wäre, denn du hast drei Tage und Nächte geschlafen, seit ich dich fand.“

Jafar brauchte einen Moment, bis er begriff, was der Fremde gesagt hatte. Er hätte nicht gedacht, dass so viel Zeit vergangen war.

Sein Kopf fuhr herum zum Kadaver des Echsenbullen, der einige Schritt entfernt in der Sonne verweste. Die Haut! Jafar musste ihm einen Teil seiner Haut abziehen, um sich die Echsenrüstung machen zu können, das Zeichen derer, die eine Echse im Zweikampf besiegt hatten. Aber drei Tage waren eine lange Zeit gewesen. Ausreichend, damit die Verwesung in der prallen Sonne viel Schaden anrichtete. Die Haut sah fleckig aus und sie würde sicherlich stinken, wenn die Fettschicht unter den Hornschuppen geronnen war und verfaulte. Die Schuppen würden einzeln abfallen und es würde nicht mehr möglich sein, sie zu einem Torsopanzer zu verarbeiten.

Der Fremde schien seine Gedanken zu erraten.
„Keine Sorge.“, sagte er. „Ich habe ausreichend Haut geschnitten, dass du eine Rüstung daraus fertigen kannst. Sie ist sogar schon fast getrocknet. Er nickte in Richtung eines Gestells hinter ihm, das Jafar bisher noch nicht aufgefallen war. Daran hingen mehrere große Stücke der dicken Echsenhaut. Der Sand darunter war fleckig und glitzerte leicht, ein Anzeichen dafür, dass der Fremde die Rückseite der Haut mit Salz eingerieben hatte, so wie es sein musste, wenn man die Verwesung verhindern wollte, bevor man dazu kam, zu gerben.

Jafars überraschter, fragender Blick schien den Fremden zu amüsieren.

„Die Arznei, die ich dich habe trinken lassen, macht schläfrig und sie hilft dem Körper, sich selbst zu heilen. Aber sie macht so Manchen auch sehr gesprächig, wenn er zwischen dieser Welt und der anderen weilt…“

„Von welcher anderen Welt redest du?“, wollte Jafar wissen.

Der Fremde lächelte. „Der Welt, in die unser Geist reist, wenn wir schlafen.“

Er rührte abermals in dem Topf herum und warf dabei einen kurzen Blick auf den Inhalt, bevor er Jafar wieder ansah.

„Die Welt, in der mein Gott sich jenen zeigt, die seine Auserwählten sind.“

Die Erinnerung an die zerfallenden Statuen trat vor Jafars inneres Auge. Und die an die leuchtende Gestalt, die aus der Sonne kam.

Der Fremde, der ihn eindringlich musterte, nickte kaum sichtbar. „Ja. Du hast gesehen.“, stellte er dann fest.

„Ich habe die Bilder unserer Götter gesehen…“, sagte Jafar schwach, während er sich wieder auf sein Lager sinken ließ.

„Sie wurden zerstört.“

Der Fremde nickte.

„Eure Götter haben eure Welt vor langer Zeit verlassen.“, sagte er. „Ihr habt es nicht bemerkt, aber sie waren bereits fort, als deine Urgroßeltern lebten. Vielleicht auch schon, als deren Urgroßeltern lebten.“

Er hob eine Hand, als Jafar sich aufsetzte und zu einer Antwort ansetzte.

„Hör mir zu, Jafar Al’Halil, Aleshgar von Ashkadar.“, sagte er laut, während er sich erhob. „Wieso eure Götter euch verlassen haben, kann ich dir nicht sagen. Ihr Handeln entzieht sich dem Verständnis der Menschen. Es sei denn, sie sprechen zu uns, in unseren Träumen.“

Er hatte das Feuer umrundet und stand nun über dem Verletzten.

„Sag mir, Jafar, wann haben deine Götter jemals in deinen Träumen zu dir gesprochen?“

Jafar blickte ihn einen Moment lang an. „Wer bist du?“, fragte er dann in ernstem Ton.

„Mein Name ist Rafo.“, sagte der Fremde.

„Du bist nicht aus einer der Städte meines Volkes.“, stellte Jafar fest.

Rafo schüttelte den Kopf.

„Das ist richtig. Ich komme von weit her.“

„Und dort verehrt man einen anderen Gott.“ Auch das war keine Frage und der Ältere nickte.

„Wo ich her komme beten wir zu Esheren, dem Herrn des Lichts, dessen Priester ich bin.“

Als Jafar ihm darauf nichts entgegnete, ging Rafo zum Feuer, schöpfte einen Teil des Inhalts des Topfes in eine hölzerne Essschale und hielt sie dann Jafar hin.

„Echse?“, fragte er.

Willkommen

Liebe Besucher,

 

herzlichen willkommen auf „Die Pfade der Götter“, der Website zu meinem gleichnamigen Fortsetzungsroman. Hier, so zumindest der Plan, möchte ich in den kommenden Wochen und Monaten immer wieder neue Teile eines Buchs veröffentlichen, dessen Grundideen mir schon eine ganze Weile im Kopf herum spukten. Und irgendwann müssen die dann auch mal auf’s „Papier“, sonst ist mein Kopf zu voll damit.

Ich wünsche allen viel Spaß beim Lesen und freue mich auf Feedback und Kommentare.

Gruß,
Nick

Prolog

Stille lag über den Dünen, unterbrochen nur vom unregelmäßigen Säuseln des Windes, der den Sand auf ihren Kämmen verwirbelte, wie schon seit Anbeginn der Zeit. Noch war es kühl in der Wüste, doch am Horizont kündete ein rasch heller werdendes Leuchten vom Aufgang der Sonne, deren Hitze den Sand schon bald wieder zum Glühen bringen würde. Es wurde Tag über Pherkad, wie die Bewohner jener Welt ihre Heimat nannten. Über der Wüste, die sich in alle Himmelsrichtungen erstreckte, so weit das Auge reichte und so weit die Füße oder die Reittiere trugen. Noch nie hatte jemand ihr Ende erreicht, so hieß es. Wer es zu erreichen suchte, der endete nach ein paar Wochen als ein Haufen Knochen im Sand, den die Sonne rasch ausbleichte und in den Skorpione ihre Nester bauten. Die Bewohner Pherkads, die Krieger der Ashkadarn, nannten die Wüste schlicht und einfach „den großen Sand“. Es gab keinen Grund, das noch näher zu beschreiben, denn das war es, was die Wüste war. Mit einer Ausnahme allerdings, nämlich den gläsernen Dünen einige Tagesreisen südlich ihrer südlichsten Stadt. Dort, in der Nähe des Äquators ihrer Welt, ließ die Hitze den Sand in den Mittagsstunden zu Glas schmelzen, das ihr Licht später so stark reflektierte, dass man davon blind werden konnte. In diese Gegenden begab sich normalerweise niemand. Und wenn, dann nur, um ein paar Stücke Glas mitzunehmen, mit denen die Fassaden vieler aus Lehm und Stein errichteter Häuser verziert wurden.

Neben den Städten, ein paar Heiligtümern und einigen Oasen gab es kaum markante Orte im großen Sand nördlich des Äquators. Aber es gab eine Reihe alter, in Vergessenheit geratener Orte, Zeugen einer Vergangenheit, die in der Gegenwart keine Bedeutung mehr hatte. An jenen Plätzen ragten uralte Obelisken aus dem Sand, verziert mit Schriftzeichen, deren Bedeutung niemand mehr kannte. Die Ashkadarn besaßen keine Aufzeichnungen über die Zeit vor den Kriegen, die sie seit vielen Generationen gegeneinander austrugen. All ihre Geschichtsbücher waren Erzählungen von Schlachten gegen andere Stämme und Erzählungen von den Heldentaten Einzelner, die sich unter den Kriegern ihres Volkes hervor getan hatten. Für alte Steine interessierte sich niemand. Und doch waren es eben jene, vom Sand schon beinahe glatt geschliffenen Steine, in denen der Schlüssel zur Zukunft ganz Pherkads ruhte.

Auf jener Welt gab es nur einen Ort, an dem ein vollkommen mit Schriftzeichen überzogener Steinbogen aus dem Sand ragte. Er lag so weit verschüttet, dass ein Mann nicht mehr unter dem Bogen hindurch laufen konnte. Auf dem Stein saßen einige kleine Echsen mit grünlich schimmernder Haut, Verwandte der großen und mächtigen Tiere, auf denen die Ashkadarn in die Schlacht ritten. Sie hatten die kühlen Stunden der Nacht hier verbracht, da der Stein die Hitze des Vortages nur zögerlich wieder preis gab und ihnen so einen warmen Schlafplatz bescherte. Nun, da das Licht der Sonne mit jedem Schlag ihrer Herzen näher kam und die Temperaturen bereits wieder spürbar stiegen, verließen die Tiere ihren Schlafplatz wieder.

Doch es war nicht nur die heraufziehende Hitze des kommenden Tages, die sie dazu bewog. Die Tiere spürten, dass sich etwas an dem Gestein veränderte. Die alten Schriftzeichen hatten schwach zu leuchten begonnen, während der Bogen kaum spürbar vibrierte und ein leises Geräusch von sich gab. Es klang wie das Flüstern von Stimmen von weit her. Der goldgelbe Sand tanzte um die Steine herum, anders als sonst, wenn er vom Wind bewegt wurde. Es bildeten sich kleine Staubwolken, die mal auf die Steine zu, mal von ihnen fort schwebten, während das Vibrieren stärker und das Flüstern allmählich lauter wurde. Der Sand innerhalb des Bogens bewegte sich, wie von einem unsichtbaren Besen beiseite gekehrt. Größer und größer wurden die Staubwolken, die schließlich begannen, mit wachsender Geschwindigkeit um den Bogen zu kreisen. Auch die Vibrationen wurden stärker und die Zeichen am Bogen leuchteten nun hell durch den aufgewirbelten Sand hindurch. Die Stimmen flüsterten weiter und es schienen mehr und mehr hinzu zu kommen, bis sie schließlich alle im selben Moment verstummten. Etwa einen Herzschlag lang herrschte völlige Stille. Dann explodierte er steinerne Bogen in einer Wolke hellen Lichts, das aus seiner Mitte schoss und den Sand nach allen Seiten hinfort fliegen ließ. Der Torbogen war nun vollkommen freigelegt und an seinem Fuß kam ein steinernes Podest zum Vorschein, auf dem ebenfalls helle Zeichen leuchteten. Im Torbogen manifestierte sich eine Scheibe, die aus purem Licht zu bestehen schien. Es wirkte, als sähe man durch sie hindurch wie durch milchiges Glas.  Dahinter bewegten sich schemenhafte Gestalten. Eine von ihnen trat näher an das Licht heran und berührte sie mit einer ihrer Hände. Das Licht veränderte seine Farbe und wurde ein wenig dunkler. Das Flüstern kehrte zurück, leiser als wenige Augenblicke zuvor. Die Gestalt vollführte eine Geste und trat schließlich einfach durch das Licht hindurch, wobei ihre Umrisse aufleuchteten, als hätte sie von Kopf bis Fuß Feuer gefangen. Mit einem schweren Schritt trat sie auf das Podest, auf dem der Steinbogen ruhte. Hinter ihr erlosch das Licht innerhalb des Bogens und der Schriftzeichen darauf. Nichts vibrierte mehr, nichts erhellte den Ort mehr bis auf die Sonne, die sich soeben vom Horizont erhob. Ringsumher rieselte der Sand lautlos zu Boden.

Die Gestalt hob einen Arm und schob die Kapuze zurück, die ihr Gesicht bislang verborgen hatte. Sand rieselte an seiner hageren Gestalt hinab zu Boden. Zum Vorschein kam das Gesicht eines Mannes, der die Augen schloss und die Luft tief in seine Lungen zog. Die Fältchen um seine Augenlieder und Mundwinkel kündeten von seinem fortgeschrittenen Alter, die Tätowierungen, die sein haarloses Haupt überzogen und deren dunkles Rot kaum einen Kontrast zu seiner sonnengebräunten Haut bildeten, von einer fremden Kultur. In seiner Rechten ruhte ein Stab aus dunklem Holz, an dem die gleichen Zeichen prangten wie an dem steinernen Bogen, durch den der Fremde gerade getreten war. Er ließ seinen Blick über die Dünen wandern, die den Ort umgaben und lächelte. Dann richtete er seine Gewänder, die aus ockerfarbenem Tuch bestanden und trat an den Rand des steinernen Podests. Kurz schien er sich anhand des Sonnenstandes zu orientieren, dann schritt er, ohne sich noch einmal nach dem steinernen Bogen umzusehen, hinaus in die Wüste.